Die Welt ist zu politisch, um unpolitisch zu sein
Timo: Ihr seid als Jugendbildungsreferent*innen aktiv. Wie seid ihr dazu gekommen?
Lennart: Ich bin klassisch über meine eigenen Seminarerfahrungen eingestiegen – als JAVI angefangen, dann Jugend 1, Jugend 2, und irgendwann kam das Angebot, selbst zu teamen. 2022 konnte ich dann in die Ausbildung zum Jugendbildungsreferenten starten.
Luisa: Bei mir war es ähnlich. Als Vertrauensfrau kam ich ins erste Jugendseminar – und war begeistert. Die Art, wie Bildung hier funktioniert – selbstorganisiert, empowernd, anders als Schule – hat mich gepackt. Ich wollte Teil davon sein und habe meinen Jugendsekretär angesprochen, wie ich da mitmachen kann.
Timo: Was hält euch bei der Bildungsarbeit?
Lennart: Die Welt ist zu politisch, um unpolitisch zu sein. Unsere Bildungsangebote holen die Teilnehmenden da ab, wo sie stehen. Es geht um ihre Lebens- und Arbeitsrealität – und wir schaffen Räume, in denen sie sich mit politischen Fragen auseinandersetzen können. Das motiviert mich.
Luisa: Für mich geht es darum, nicht in der Ohnmacht stecken zu bleiben. Bildung ist für mich eine Möglichkeit, wirksam zu werden – und das Feuer, das bei mir entfacht wurde, möchte ich weitergeben.
Bildung als Ort der Ermächtigung
Timo: Der Jugendbildungskongress steht am Anfang der Bildungsdebatte der IG Metall. Wie habt ihr den Tag erlebt?
Lennart: Sehr intensiv und bereichernd. Ich war im Workshop zu Formaten und Inhalten. Wir haben diskutiert, wie unsere Seminare gestaltet sein müssen, um wirksam zu bleiben – auch in Bezug auf Zeit, Ort und Didaktik.
Luisa: Ich war im Workshop zu zukünftigen Herausforderungen. Besonders präsent war das Thema Freistellung – Bildungsurlaub ist oft ein Recht auf dem Papier, das in der Praxis schwer durchsetzbar ist. Außerdem haben wir über Zielgruppenvielfalt gesprochen: Wie erreichen wir FLINTA*-Personen, migrantisierte Menschen, verschiedene Lebensrealitäten?
Timo: Wie geht ihr mit politischen Spannungen in den Seminaren um?
Lennart: Die gesellschaftliche Polarisierung macht auch vor unseren Seminaren nicht halt. Wir wollen Teilnehmende ernst nehmen, aber auch klare Haltung zeigen. Unser Ziel ist es, Reflexion zu ermöglichen – auch über rassistische Narrative oder rechte Parolen. Unsere Seminare bieten Zeit, um solche Konflikte auszuhalten und produktiv zu bearbeiten.
Luisa: Gerade durch die Sammlung von Themen zu Beginn eines Seminars gelingt es oft, mit den Leuten gemeinsam an ihren Fragen zu arbeiten – auch wenn es Widersprüche gibt. Der Raum für Austausch ist enorm wichtig.
Herausforderungen und Baustellen
Timo: Wo seht ihr nach dem Kongress die größten Herausforderungen?
Lennart: Ganz klar: Menschen auf Seminare zu bekommen. Die Freistellung wird schwieriger, die Zielgruppen diverser, und unsere Angebote müssen damit Schritt halten. Das braucht Ressourcen – und kontinuierliche Konzeptarbeit.
Luisa: Viele nutzen ihren Bildungsurlaub gar nicht, weil sie die Möglichkeiten nicht kennen oder weil der Betrieb sich querstellt. Wir müssen die Leute befähigen, ihre Rechte durchzusetzen – und Geschäftsstellen und Betriebsräte enger miteinander verzahnen.
Lennart: Und wir müssen unsere gute Arbeit sichtbarer machen – auch innerhalb der IG Metall. Es fehlt an bundesweiter Vernetzung: Viele Bezirke entwickeln tolle Konzepte, aber sie bleiben oft lokal begrenzt.
Bildung weiter denken
Timo: Welche Rolle spielt Bildung für euch in der IG Metall?
Lennart: Bildung ist das Fundament unserer Bewegung. Ohne sie fehlt das Verständnis für die eigene Rolle im Betrieb, in Gremien oder Tarifauseinandersetzungen. Wir brauchen Bildung, um handlungsfähig zu werden – als Einzelne und als Organisation.
Luisa: In unseren Seminaren ist Raum, Widersprüche auszuhalten und Utopien zu entwickeln. Das ist ein Luxus, den man im Alltag oft nicht hat. Und genau deswegen ist es so wichtig, diesen Raum zu verteidigen.
Timo: Vielen Dank euch beiden – für euer Engagement und das Gespräch.
Luisa & Lennart: Danke ebenfalls!
Anmerkung der Redaktion: Das Interview fand im Rahmen des Jugendbildungskongresses der IG Metall 2025 in Sprockhövel statt. Die hier zusammengefassten Aussagen spiegeln zentrale Perspektiven der Jugendbildung innerhalb der aktuellen Bildungsdebatte wider.