Eine Gesellschaft in Bewegung
Timo Kwiatkowski: „Demokratie, Bildungsdebatte und Betriebsratswahlen“ sind die Schlagworte, die unser Gespräch rahmen.
Ralf ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der IG Metall und verantwortet den Bildungsbereich. Klaus begleitet Gewerkschaften seit vielen Jahren wissenschaftlich und hat zur gewerkschaftlichen Erneuerung, industriellem Wandel und Transformation geforscht. Timo Kwiatkowski ist Politischer Sekretär in der Gewerkschaftlichen Bildungsarbeit.
Die Zangenkrise: Wachstum, Klima, soziale Spaltung
Klaus Dörre:
Ich spreche von einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise. Das bedeutet:
Wenn wir unter den heutigen Bedingungen – mit hohem Energie- und Ressourcenverbrauch – weiter auf Wirtschaftswachstum setzen, treiben wir die ökologische Katastrophe voran.
Bleibt das Wachstum jedoch aus, drohen Deindustrialisierung, soziale Not und Arbeitsplatzverluste.
Wir stecken also zwischen Skylla und Charybdis. Zwei Auswege gibt es: Entweder gelingt es, Wachstum von seinen schädlichen Folgen zu entkoppeln – oder wir entwickeln eine Gesellschaft, die nicht mehr auf permanentes Wachstum angewiesen ist.
Konflikte in Bewegung
Timo Kwiatkowski:
Für uns Gewerkschaften ist das schwierig. In Wachstumsphasen lassen sich Verteilungskämpfe leichter führen. In Krisen greifen wir tiefer in Eigentumsrechte ein – das ist politisch härter durchzusetzen.
Klaus Dörre:
Genau. Wirtschaftswachstum war immer eine Befriedungsformel für soziale Konflikte. Jetzt funktioniert diese Formel nicht mehr.
Ralf Reinstädtler:
Das merken wir in den Betrieben. Gewerkschaftsarbeit war nie konfliktfrei, aber früher ging es um Verteilung – also darum, den gerechten Anteil am gemeinsam Erwirtschafteten zu sichern.
Heute werden uns Konflikte aufgezwungen: Personalabbau, Standortverlagerungen, Geschäftsmodelle ohne Zukunft. Wir kämpfen, um Katastrophen zu verhindern.
Trotzdem zeigt sich gerade jetzt, wie wichtig starke, gut organisierte Gewerkschaften sind. Ohne sie wären Beschäftigte diesen Entwicklungen ausgeliefert.
Ich glaube fest daran: Wir brauchen Investitionen – nicht Kürzungen. Zukunft entsteht nicht durch Lohnverzicht, sondern durch politisch gesteuerte Industriepolitik.
Verunsicherung und Vertrauensverlust
Klaus Dörre:
Viele Menschen haben das Vertrauen in politische Eliten verloren – besonders im Osten. Sie erleben, dass Entscheidungen ständig geändert werden, Förderungen gestrichen, Versprechen gebrochen. Das schafft ein Vakuum, in das die radikale Rechte stoßen kann.
In unseren Befragungen hören wir zwei Stimmungen:
Resignation auf der einen Seite – und den Wunsch, endlich „den Hammer zu schwingen“ auf der anderen.
Viele wollen zeigen, dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Das ist für Bildungsarbeit wichtig: Konflikte können auch dann stärken, wenn man sie nicht vollständig gewinnt.
Die IG Metall ist konfliktbereit
Ralf Reinstädtler:
Ja, und ich möchte betonen: Wir scheuen den Konflikt nicht.
In den letzten Jahren haben wir viele harte Auseinandersetzungen geführt – mit Streiks, Urabstimmungen, deutlichen Ergebnissen. Aber wir können das nicht stellvertretend für die Belegschaften tun.
Gewerkschaft funktioniert nur, wenn Menschen vor Ort mitmachen. Beteiligung ist der Schlüssel.
Transformation im Betrieb: Belastung und Potenzial
Klaus Dörre:
Die Transformation bringt enorme Belastungen.
Schichtflexibilität, Arbeitsverdichtung, Unsicherheit – all das hat zugenommen. Viele erleben, dass ihre Fachlichkeit nicht mehr zählt. Dabei steckt in den Belegschaften ein riesiges Innovationspotenzial.
Beschäftigte wissen oft sehr genau, wie man nachhaltiger produzieren könnte – aber sie werden zu selten gefragt.
Ralf Reinstädtler:
Es gibt gute Beispiele, wo das gelingt – etwa über Zukunftstarifverträge. Dort werden Budgets geschaffen, mit denen Beschäftigte eigene Ideen umsetzen können. Das schafft Motivation und bringt den Unternehmen echten Mehrwert.
Solche Ansätze müssen wir ausbauen.
Bildung als Schlüssel
Timo Kwiatkowski:
Welche Rolle kann Bildung dabei spielen?
Ralf Reinstädtler:
Eine zentrale.
Bildung schafft Orientierung – gerade in unsicheren Zeiten. Sie vermittelt Grundlagen, fördert Debatte und stärkt Konfliktfähigkeit.
Wir müssen Räume schaffen, in denen Menschen miteinander diskutieren können – kontrovers, aber solidarisch. Und wir müssen deutlich machen: Konfliktfähigkeit gehört zur DNA der Gewerkschaft.
Klaus Dörre:
Ich würde ergänzen: Bildungsarbeit braucht Experimentierräume.
Sie sollte neue Formate ausprobieren, Perspektiven wechseln und Bündnisse fördern – etwa mit jungen Klimabewegten oder gesellschaftlichen Initiativen.
Und: Sie muss Utopiefähigkeit stärken. Ohne Vision einer besseren Gesellschaft bleibt jede Bildung defensiv.
Ralf Reinstädtler:
Uns wird manchmal vorgeworfen, zu politisch zu sein. Dabei sind Gewerkschaften immer politische Organisationen gewesen.
Wenn wir über Energie, Infrastruktur oder gute Arbeit sprechen, ist das gesellschaftliche Politik.
Wer sagt, Gewerkschaften sollen sich da raushalten, will sie im Grunde abschaffen.
Zuhören, streiten, überzeugen
Klaus Dörre:
Wir müssen lernen, wieder miteinander zu sprechen – auch mit denen, die andere Ansichten haben.
Nicht jedem sofort ein Weltbild überstülpen, sondern zuhören, ernst nehmen, Argumente finden.
Menschen überzeugen sich nicht durch Belehrung, sondern durch Gespräch, Respekt und persönliche Erfahrung.
Ausblick: Bildung als Ort der Solidarität
Ralf Reinstädtler:
Solidarität beginnt im Umgang miteinander. Ich erlebe die IG Metall als eine sehr solidarische Organisation – aber das müssen wir immer wieder neu leben.
Unsere Bildungsarbeit kann dafür Räume schaffen: Orte, an denen Menschen sich begegnen, austauschen und merken – wir sind viele, und wir haben gemeinsame Ziele.
Klaus Dörre:
Genau. Gewerkschaftliche Bildung sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern Sinn stiften.
Wenn Menschen erfahren, dass gemeinsames Handeln etwas bewirken kann – dann entsteht das, was Solidarität eigentlich ausmacht.
Timo Kwiatkowski:
Ein starkes Schlusswort. Ich danke euch beiden für das Gespräch – und für viele Denkanstöße, die wir in die Bildungsdebatte mitnehmen.